Kleine große Schritte – Jodi Picoult [Rezension]

Mittwoch, Februar 07, 2018

Rassismus USA Nazis Neonazis Gewalt Gericht Bestseller Roman Kurzmeinung:

Obwohl ich sonst ein großer Picoult Fan bin, kann ich mich dieses Mal der Begeisterung nicht 100%ig anschließen. Zwar ist das Thema sehr wichtig und die Intention sehr gut, die Umsetzung allerdings fand ich nicht so gelungen. 

Bewertung: 3 Sterne

Klappentext:

Ruth Jefferson ist eine äußerst erfahrene Säuglingsschwester. Doch als sie ein Neugeborenes versorgen will, wird ihr das von der Klinikleitung untersagt. Die Eltern wollen nicht, dass eine Afroamerikanerin ihren Sohn berührt. Als sie eines Tages allein auf der Station ist und das Kind eine schwere Krise erleidet, gerät Ruth in ein moralisches Dilemma: Darf sie sich der Anweisung widersetzen und dem Jungen helfen? Als sie sich dazu entschließt, ihrem Gewissen zu folgen, kommt jede Hilfe zu spät. Und Ruth wird angeklagt, schuld an seinem Tod zu sein. Es folgt ein nervenaufreibendes Verfahren, das vor allem eines offenbart: den unterschwelligen, alltäglichen Rassismus, der in unserer ach so aufgeklärten westlichen Welt noch lange nicht überwunden ist …



Meine Meinung:

"Kleine große Schritte" behandelt ein sehr wichtiges Thema –Rassismus– und ich bin froh, dass es geschrieben wurde und viel gelesen wird. Dennoch bin ich nicht so richtig warm mit der Geschichte geworden und ich habe einige Kritikpunkte. 
Zum einen würde ich mir gerade zu diesem Thema lieber mehr "own voice" Bücher wünschen. Obwohl Picoult im Nachwort ganz gut beschreibt, dass sie sich der Problematik bewusst ist und was ihre Gründe waren, dieses Buch dennoch zu schreiben:


"Ich schreibe für meine eigene Gemeinschaft –Weiße–, die kein Problem haben, einen Neonazi als Rassisten auszumachen –den eigenen Rassismus aber nicht erkennen." (Aus "Kleine große Schritte, S. 583)

Außerdem ist die Übersetzung an mancher Stelle nicht gut gelungen. Elif hat das in ihrem Post (der auch sonst sehr lesenswert ist) sehr gut erklärt, besser als ich es kann. Aber zum Beispiel wird in dem Buch sehr oft das Wort "Farbige" verwendet, welches eine Fremdbezeichnung aus der Kolonialzeit ist. Also wird ein rassistisches Wort in einem Anti-Rassismus-Roman verwendet. Da muss man sich schon echt wundern, wie dass dem Verlag passieren konnte. Ich hoffe, dass wird in zukünftigen Ausgaben noch geändert. 

Aber auch die gesamte Geschichte hat mir nicht so gut gefallen. Für mich wirkten viele Szenen sehr konstruiert und man konnte genau erkennen, warum diese Handlung gerade nötig ist, um uns einen bestimmtem Aspekt von Rassismus zu erklären. Dadurch wirkte der Roman für mich aber oft unauthentisch und die Personen kamen mir nicht sehr nahe. Da war für mich zu viel erhobener Zeigefinger dabei. 
Manchmal fiel es mir aber auch schwer, die Geschichte zu akzeptieren, weil manche Situationen für mich so unvorstellbar waren, dass ich sofort eine gewisse Reaktanz gespürt habe. Ein bisschen "Kann das wirklich so sein, oder ist das nicht etwas übertrieben?" Und genau deswegen finde ich dieses Buch eben trotz meiner Kritikpunkte so wichtig. Denn es hat mich dazu gezwungen, mir immer wieder bewusst zu machen, dass es zwar nicht meine Lebensrealität ist, aber die von vielen anderen Menschen auf der Welt. Und dass auch Ignoranz schon ein Privileg ist. 

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Fazit:

Insgesamt ist es ein Buch, das man gut lesen kann und gerade für Picoult Zielgruppe (privilegierte, weiße Leser_innen) bestimmt sehr viel Lehrreiches und Denkanstöße enthält. Ich hatte mir aber mehr von dem Roman erhofft und war daher und wegen der angesprochenen Kritikpunkte etwas enttäuscht. 

Für eine sehr interessante und kritische Meinung zu dem Buch schaut unbedingt bei Elif von "Lost in written words" vorbei. 

Fun Fact: 

Zu dem Buch gibt es auch ein kleines Prequel, "Das Mädchen mit den roten Schuhen", das nur als eBook erschienen ist. Darin wird die Kindheit der Protagonistin Ruth beschrieben wird. Ich finde es eine gute Idee und eine sinnvolle Ergänzung zu der Geschichte. 

Den Roman "Kleine große Schritte" gibt es auch als Hörbuch. Von diesem möchte ich euch aber ausdrücklich abraten. Ich habe ein bisschen hineingehört, und immer mal wieder mit dem Roman verglichen. Die Hörbuch- Geschichte ist so stark gekürzt, dass wirklich viele wichtige Szenen fehlen. Der Rest wirkt wie zusammengestückelt und hat für mich auch teilweise nur wenig Sinn ergeben, weil eben wichtige Handlungsstücke weggelassen wurden. 

Biblio 
Verlag: C. Bertelsmann 
Übersetzung: Elfriede Peschel
Seiten: 592
Preis: 20,00€ 

Vielen Dank an den Verlag, der mir das Buch als Rezensionsexemplar zu Verfügung gestellt hat. 

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Mehr von Jodi Picoult:
Bis ans Ende der Geschichte – Jodi Picoult

Mehr zum Thema Rassismus:
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The Hate U Give (THUG) – Angie Thomas

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Plauderecke: 

Habt ihr diesen Roman schon gelesen? Und was sagt ihr dazu? Stimmt ihr eher den vielen absolut begeisterten Meinungen zu, oder seht ihr die Umsetzung eher kritisch? 

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4 Kommentare

  1. Ich finde ja die Bezeichnung PoC ganz schrecklich, auch wenn sie korrekt ist und hoffe, dass der Verlag in der nächsten Auflage einen etwas griffigeren, aber genauso korrekten Ersatz für das unsägliche "Farbige" findet.
    Leider habe ich schon mehr Meinungen zum Buch gelesen, die nicht rundherum begeistert waren, sondern auch einige Kritikpunkte hatten. Ich finde es auch gut, sich mit dem Thema Rassismus zu beschäftigen und das Bewusstsein dafür zu schärfen und deswegen ist jedes Buch, das sich damit auseinandersetzt, gut. Aber da ich auch kein großer Picoult-Fan bin, werde ich wahrscheinlich nicht zu diesem hier greifen.

    LG Gabi

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    1. Liebe Gabi,
      Ich finde PoC in sofern gut, weil es eben ein von der betroffenen Gruppe selbstgewählter Begriff ist. Das finde ich gut und wichtig! Eine gute deutsche Übersetzung des Begriffes wäre natürlich sehr wünschenswert. Aber solange es die nicht gibt, kann man sich (gerade als Verlag) finde ich nicht darauf ausruhen, sondern sollte trotzdem oder gerade deswegen kritisch mit den vorhandenen Begriffen umgehen. Und da ist "Farbige" definitiv keine gute Wahl gewesen.
      Ich habe zu diesem Buch bisher vor allem sehr begeisterte Meinungen gehört, aber auch einige kritische. Ich finde es ja auch gut und absolut wichtig, sich mit dem Thema Rassismus zu beschäftigen und für Leser_innen, die sich noch nicht so intensiv mit dem Thema beschäftigt haben, ist das Buch bestimmt auch lehrreich. Aber insgesamt hatte ich mir eben mehr erhofft. Der große Anti-Rassismus-Roman, als der er vermarktet wird, ist er allerdings nicht.
      Danke für deinen ausführlichen Kommentar und deine Gedanken zu dem Thema.
      Liebe Grüße, Julia

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  2. Liebe Julia,

    schön, dass Du das Buch nun auch gelesen hast. Die Geschichte mit den roten Schuhen kannte ich gar nicht!

    Über die Übersetzung bin ich gar nicht gestolpert, weil ich sowieso nie weiß, wie es denn nun korrekt ist und ich inzwischen zu meinen Äußerungen stehe. Da es anscheinend in der Beziehung kein richtig oder falsch gibt, kann es doch nur falsch werden. Wie anscheinend auch in diesem Buch.

    Wir sind uns anscheinend alle einig, dass das Buch diverse Schwächen hat, aber trotzdem gut ist, dass es geschrieben wurde und auch zahlreich gelesen wird.

    Bin gespannt, ob Du die Autorin auch erstmal von deiner Liste streichst!

    Viele Grüße
    Astrid

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    1. Liebe Astrid,
      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.
      Ja, das mit den roten Schuhen ist vielleicht ein kleiner Geheimtipp. Da es das nur als eBook gibt, wurde das nicht so doll vermarktet. Mir hat es als Ergänzung echt gut gefallen.
      Ich finde es schon ziemlich wichtig, auf gute Übersetzungen zu achten, da Sprache ja auch dazu beitragen kann, strukturellen Rassismus zu unterstützen und aufrechtzuerhalten. Da hätte ich mir eben gerade bei einem Buch zu dem Thema ein sensibleres Lektorat gewünscht.

      Aber ja, wir sind uns einig: lesenswert ist es trotzdem und es ist gut, dass das Thema so mehr Aufmerksamkeit bekommt.

      Von meiner Liste werde ich Picoult definitiv nicht streichen. Das Buch hat mir ja trotzdem ganz gut gefallen und ich war bisher von fast allen Picoult Büchern eher sehr begeistert. Da bildet "Kleine große Schritte" eher die Ausnahme. Ich bin jetzt schon gespannt, welche Thema sich Picoult als nächstes widmen wird.
      Liebste Grüße, Julia

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