Und es schmilzt - Lize Spit [Rezension]

Sonntag, September 10, 2017

Leseprobe Selbstmord Missbrauch Dorfleben Roman Familie Freundschaft Mobbing Kurzmeinung:

Ein Buch, das erst im letzten Viertel wirklich überzeugt, mich dafür aber dann mit voller Wucht getroffen hat, mich schockiert und bewegt hat, wie es lange kein Buch getan hat. Dennoch keine uneingeschränkte Leseempfehlung, da der Inhalt für manche vielleicht wirklich nicht das Richtige ist. 


Bewertung: 4 Sterne 



Klappentext:

Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.
Mit geschlossenen Augen hätte Eva damals den Weg zu Pims Bauernhof radeln können. Sie könnte es heute noch, obwohl sie viele Jahre nicht in Bovenmeer gewesen ist. Hier wurde sie zwischen Rapsfeldern und Pferdekoppeln erwachsen. Hier liegt auch die Wurzel all ihrer aufgestauten Traurigkeit.
Dreizehn Jahre nach dem Sommer, an den sie nie wieder zu denken wagte, kehrt Eva zurück in ihr Dorf – mit einem großen Eisblock im Kofferraum.




Meine Meinung:

"Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt" – das ist wirklich nicht übertrieben! 
Von dem Buch hatte ich im Vorfeld schon sehr viel gehört. Dass es echt heftig sei und schockierend. Mit diesen Erwartungen habe ich dann angefangen und war zunächst etwas verwirrt. Denn da passierte nichts Schockierendes. Es wurde einfach die Geschichte von drei Freunden erzählt, die in einem kleinen Dorf aufwachsen. Und das alles sehr episodenhaft. Es brauchte sehr lange, bis Schwung aufkam. So sehr im Dunkeln gelassen fühlte ich mich lange von keinem Buch und ich war mir nicht so sicher, ob ich das mag. Einerseits hat es mich sehr neugierig gemacht. Andererseits hatte ich manchmal das Gefühl, etwas orientierungslos durch die Geschichte zu stolpern. 

Den Eindruck verstärkt hat noch die Tatsache, dass die Geschichte auf zwei Zeitebenen erzählt wird. Einmal gibt es die Eva in der Gegenwart, die sich mit dem Eisblock im Kofferraum auf den Weg in ihr Heimatdorf macht. Und dann gibt es noch die Eva in der Vergangenheit, wie sie und ihre Freunde ihre Kindheit in dem kleinen Dorf verbracht haben. Innerhalb der zwei Zeitebenen ist die Reihenfolge aber auch nicht chronologisch und durch die episodenhafte Erzählweise habe ich zwischendurch den Überblick verloren und konnte manche Ereignisse nicht einordnen. Das hat mir nicht so gut gefallen.


"Dass die Sommermonate mir später am intensivsten im Gedächtnis bleiben würden, wusste ich schon, bevor sie vorbei waren. Es fiel mehr Sonnenlicht auf unsere Bewegungen, Erinnerungen daran konnten sich schärfer entwicklen." (Aus "Und es schmilzt", S.163)


Der Anfang hat sich also etwas gezogen und ich musste mich orientieren. Zusammenhangslose Episoden aus der Gegenwart und der Vergangenheit wechselten sich ab. Die Bedeutung hat sich mir nicht immer erschlossen. Mir fehlte der rote Faden und auch die Spannung wollte sich nicht so recht aufbauen. 
Doch die zunehmend düstere Stimmung ließ dunkle Vorahnungen aufkommen, dass da etwas Schlimmes passieren würde und machte mich schon neugierig. Wirklich spannend wurde die Geschichte aber erst im letzten Viertel. Ab da konnte ich das Buch dann auch nicht mehr aus der Hand legen. Ich habe trotz großer Müdigkeit bis tief in die Nacht gelesen, bis ich das Buch beendet hatte. An Schlaf war danach nicht mehr zu denken. 

Ich möchte jetzt nicht näher auf den Inhalt eingehen, weil ich niemandem etwas vorwegnehmen will. Aber das Buch hat mich schockiert und bewegt. Ich habe geweint und ich wollte das nicht lesen. Wirklich nicht. Eigentlich hätte ich keine weitere Seite ertragen können. Aber irgendwie musste ich dann doch weiterlesen. Noch Tage später beschäftigt es mich und es ist mir sehr schwergefallen, Worte für diese Rezension zu finden.
Im Nachhinein wünschte ich manchmal fast, ich hätte das Buch nicht gelesen. Aber eben nur fast, denn das Buch ist auch wirklich sehr gut – vielleicht gerade wegen seiner Schockwirkung. 

Dennoch kann ich keine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Mir hat das Buch zwar gut gefallen, aber eben auch sehr – wirklich SEHR – mitgenommen. Und das, obwohl ich eigentlich sehr hart im nehmen bin. Ich hätte mir irgendeine Warnung gewünscht, worauf man sich einlässt. Vielleicht sogar ein "Trigger Warning". Denn dieses Buch ist bestimmt nicht für jede*n etwas! 

---- Spoiler----

Es gibt ein paar Sachen, die ich hier erwähnen möchte, die vielleicht etwas vom Inhalt preisgeben. Wer das Buch also noch nicht gelesen hat und nichts über den Inhalt erfahren möchte, der sollte von hier direkt zum Fazit springen. 


Wer aber etwas vorgewarnt sein will, auf welche Themen man sich hier vorbereiten muss: 


In dem Buch geht es um Alkoholismus, Selbstmord, Toxische Beziehungen, Vernachlässigung und Missbrauch an Kindern. 
Eva und ihre Geschwister werden von ihren Eltern vernachlässigt. Die prekären Verhältnisse werden aber eher selten klar und deutlich benannt. Erst nach und nach bekommt man als Leser ein Bild und man muss sich viel selbst erschließen. 

Alle drei Geschwister gehen anders mit den Erfahrungen um. 
Eva lässt sich von ihren zwei besten Freunden ausnutzen und demütigen. Die Beziehungsdynamik zwischen den drein ist wirklich ungesund und hat mich an dem Buch am meisten fasziniert. Immer wieder konnte ich nur den Kopf schütteln und gebannt die Seiten umblättern. Zu gerne wollte ich Eva schütteln, und sie fragen, warum sie das mit sich machen lässt. 
Dieses Buch veranschaulicht auf jeden Fall sehr eindrucksvoll, wie grausam Kinder sein können. 




---- Spoiler Ende ----





Bestseller Buchtipp Roman Missbrauch Selbstmord Leiden Vernachlässigung Psychopath


Fazit:

Die erste Hälfte des Buches ist eher verwirrend und langatmig. Dann nimmt die Geschichte aber Fahrt auf, wird immer düsterer und was dann kommt, übersteigt selbst die schlimmsten Vorahnungen. Es hat mich schockiert, bewegt, erschüttert. Das Buch hat mich nicht mehr losgelassen und noch Tage später musste ich all meinen Freunden von diesem Buch erzählen, weil ich einfach darüber sprechen musste. 
Keine uneingeschränkte Leseempfehlung, weil die Themen und die expliziten Beschreibungen bestimmt nicht für jede*n das Richtige sind. Dennoch ist dieses Buch auch wirklich gut – gerade weil es so echt, roh und düster ist. Wer sich also traut, beim Lesen aus seiner Komfortzone herauszukommen und bereit ist zu leiden, dem kann ich dieses Buch empfehlen. 


Mein herzlicher Dank gilt dem Verlag für das Bereitstellen des Rezensionsexemplars.

Biblio 
Verlag: S. Fischer
Übersetzer: Helga van Beuningen
Seiten: 512
Preis: 22,00€ (Hardcover)


Fun Fact am Rande: 
Der bunte Buchschnitt macht zwar optisch viel her, allerdings haben deshalb die Seiten alle aneinander geklebt. Es klingt verrückt, aber das hat tatsächlich das Umblättern so sehr gestört, dass ich manchmal richtig in meinem Lesefluss unterbrochen wurde, weil ich erstmal die nächsten paar Seiten auseinanderfriemeln musste, damit ich danach ungestört umblättern konnte. ;D 



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Plauderecke:

Habt ihr dieses Buch schon gelesen? Habt ihr auch so heftig reagiert? 
Und falls ihr es noch nicht gelesen habt: seid ihr jetzt eher abgeschreckt, oder neugierig? 
Was ist das letzte Buch, das euch so richtig geschockt hat?

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15 Kommentare

  1. Es befindet sich seit einer gefühlten Ewigkeit auf meiner WTR-List. Ich bin so gespannt.

    Neri, Leselaunen

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    1. Hey Neri,
      Da kannst du auch echt gespannt sein. Aber mach dich auf was gefasst!
      Kannst ja dann gern mal schreiben, wie es dir gefallen hat.
      Liebe Grüße, Julia

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  2. Dein Spoiler habe ich natürlich überlesen, aber deine Worte haben mich (wie so andere Eindrücke zu diesem Buch) wahnsinnig neugierig gemacht und ich möchte es definitiv auf kurz oder lang selbst lesen! Mitsprechen können, mir ein Bild von dem Inhalt machen ... definitiv ein Buch für meine Weihnachtswunschliste! Heraus aus der Komfortzone - genau das richtige für mich.

    Hab noch einen schönen Sonntagabend!

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    1. Liebe Janna,
      Ja, ich war ja durch solche Beschreibungen auch super gespannt auf das Buch. Und jetzt kann ich es nur genau so schwer in Worte fassen. Das Buch macht auf jeden Fall etwas mit dem Leser. Und du wirst dann bestimmt darüber sprechen wollen, deswegen sage ich dir jetzt schon mal: ich habe dann gern ein offenes Ohr für deine Leseeindrücke und Gedanken. Sowieso immer. :*

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    2. Nachdem nun auch Kerstin so begeistert ist komme ich nicht drum rum und werde dann mal nicht zu lange warten - ich bin ZU neugierig!

      Aaww dankö :-*

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  3. Huhu! :)

    Deine Rezension war wirklich toll zu lesen! Ich habe das Buch auch schon ins Auge gefasst, war mir aber nicht sicher, ob es wirklich was für mich ist. Jetzt weiß ich, dass es unbedingt einziehen sollte. :D

    Liebste Grüße
    Nina von BookBlossom

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    1. Liebe Nina,
      Freut mich sehr, dass dir meine Rezension gefallen hat. Mir ist es so schwer gefallen, Worte für dieses Buch zu finden. Sag gerne Bescheid, wenn du den Roman gelesen hast. Bin gespannt auf deine Meinung.
      Liebe Grüße, Julia

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  4. Es klingt ja fast so, als wäre das Ende des Buches eben weil es einen sehr langsamen und gemächlichen Anfang nimmt, umso schockierender. Man merkt einer Rezension sehr deutlich an, wie Dich das Buch erschüttert hat. Und das macht mich sehr neugierig, aber ich fühle mich auch gewarnt, dass das Buch keine leichte Lektüre ist.

    LG Gabi

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    1. Hallöchen Gabi,
      Ja, dieses Buch hat mich wirklich sehr erschüttert. Und eine leichte Lektüre ist es auf keinen Fall. Trotzdem würde ich dir von dem Buch nicht abraten, denn es ist wirklich mal was anderes und bleibt noch lange in Erinnerung. Bin gespannt, ob du dich ran traust... ;)
      Liebste Grüße :*

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  5. Hey, Julia,

    bin über Twitter auf deinen Blog gestoßen und bleibe gleich mal als Leserin da:) Schön hast du es hier!
    Das Buch habe ich auch schon im Auge, höre aber die unterschiedlichsten Meinungen dazu. Ich behalte es auf jeden Fall auf der Liste und warte noch einmal ein bisschen ab. Aber du äußerst dich ja ganz positiv.
    Vielleicht magst du meinen Blog ja auch mal besuchen, ich würde mich sehr darüber freuen:D

    LG und eine schöne Woche,
    Claudia:)
    www.claudiasbuecherhoehle.blogspot.de

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    1. Hallo Claudia,
      Danke für deinen Besuch und deinen lieben Kommentar. Das freut mich natürlich total, dass dir mein Blog gefällt. :)
      Ja, mit der Bewertung dieses Buches ist es echt nicht leicht. Einerseits ist es wirklich bewegend und ein einprägendes Leseerlebnis. Andererseits ist es aber eben bestimmt auch nicht für jeden etwas und es ist schon echt "heftig". Wenn du dir also nicht sicher bist, dann warte ruhig noch etwas ab und lies ein paar Meinungen dazu.
      Dann gehe ich auch gleich mal auf deinem Blog stöbern.
      Liebe Grüße, Julia

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  6. Hallo,

    ich habe das Buch heute ausgelesen und sitze nun etwas sprachlos hier. Ich gebe Dir recht, der Anfang ist schwerfällig und zieht sich. Ich hab ewig auf den Schockmoment gewartet, leider fand ich alles sehr vorhersehbar. Somit ist die Spannung eher auf dem gleichen Level geblieben (bei mir, es empfindet natürlich jeder anders). Blöderweise kannte ich auch das Rätsel, daher konnte ich mir auch in etwa das Ende vorstellen. Insgesamt ein sehr trauriges Buch, das sicher, aber für mich kein gesellschaftlicher Schocker. Das kann aber auch an meiner sonstigen Literatur liegen oder am Studium. Ich beschäftige mich auch gerne beim Lesen mit unbequemen Themen. Wirkungsvoll finde ich allerdings die durchgehende Gleichgültigkeit in allen Schilderungen.
    Ich würde mich gerne noch ein bisschen austauschen.
    Liebe Grüße und einen schönen Abend
    Vicky

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    1. Hallo Vicky,
      Da haben wir die Lektüre des Buches wohl ähnlich empfunden.
      Diese nüchternen Beschreibungen, die Gleichgültigkeit fand ich auch besonders eindrucksvoll. Und für mich war es dadurch schon ein "Schocker". Das so etwas passieren kann, und niemand bekommt es mit. Die Welt dreht sich einfach weiter, der ist es egal. Das hat mich schon noch lange beschäftigt.
      Das Rätsel kannte ich übrigens auch, das hat bei mir aber nicht die Spannung geschmälter und das Ende hat mich trotzdem geschockt.
      Aber finde ich gut, dass du dich auch an unbequeme Bücher heranwagst. Ich mache das auch viel, aber irgendwann brauche ich dann auch mal wieder eine Pause und lese eher etwas Seichtes. Abwechslung mag ich eh sehr gerne. :)
      Ich freue mich immer über Austausch. ;)
      Liebe Grüße und einen schönen Sonntag noch, Julia

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  7. Hallo liebe Julia
    jetzt hab ich Deine Rezension auch endlich gelesen. Richtig toll und ja ich hab den Spoiler mitgelesen. Es passt so gut was du beschreibst.
    Kein einfaches Buch, wirklich sehr schockierend und doch fand ich es großartig.
    Empfehlen würde ich es aber auch nicht jedem.
    Liebe Grüße und ein tolles Wochenende
    Kerstin
    Ich verlinke dich dann mal bei uns :-)

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    1. Hallo Kerstin,
      Danke für deine lieben Kommentar. Die Rezension ist mir so schwer gefallen, wie es lange nicht der Fall war. Da freut es mich umso mehr zu hören, dass es anscheinend ganz gut gelungen ist.
      Danke auch für die Verlinkung. :*
      Hab noch einen schönen Sonntag. LG

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Über mich


Hallöchen, ich bin Julia, 24, und der Bücherwurm hinter dem Blog Leselust.
Seit 2016 blogge ich hier über Bücher, Literaturevents und was mich sonst so beschäftigt.
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Wenn ihr mehr über mich wissen wollt, dann schaut bei "Über mich" vorbei oder schreibt mir auch gern. Ich habe immer ein offenes Ohr für euch.


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